John Bock   
Die Tiefe, 2008, mixed media, film, metal construction, 218 x 470 x 160 cm

Born 1965 in Gribbohm (Germany)
Lives and works in Berlin (Germany)

Seit Mitte der neunziger Jahre ist John Bock so etwas wie der Narr des Kunstbetriebs. Mit seiner Anlehnung an den Dadaismus und den Wiener Aktionismus zählt er zu den wichtigsten Aktionskünstlern in Deutschland. Bock begann seine künstlerische Arbeit mit „Vorträgen“, die sich in einer Nonsens-Rhetorik an den Forscherjargon akademischer Vorlesungen anlehnten und die Verbindungen zwischen Kunst und Wirtschaftstheorien thematisierten. International bekannt wurde er mit seinen slapstickhaften, grotesken Performances, in denen Theater, Video, Vorträge, Bühnen-Installationen und Skulpturen ineinander übergehen und per Video dokumentiert werden. Bocks Welt ist ebenso absurd wie subtil, durchdrungen von zahllosen Verweisen auf biografische und wissenschaftliche Ansätze aus der Kunstgeschichte, Literatur, Philosophie, Wirtschaftswissenschaften und Psychologie. Gleichzeitig zitiert Bock aus „niederen“ Genres wie Straßenkunst, Rockmusik, Second Hand-Mode, Comedy und Horrorfilmen. Eine rationale Interpretation seines Werks scheint unmöglich. Aus seinen Aktionen entstehen zuweilen eigenartig betitelte Skulpturen, in denen verschiedene Materialien wie Holz, Stoff, Draht, Aluminium, Samt oder Beton zu beinahe surrealistischen Objekten arrangiert werden.

Bei „Fieberausgüsse im Hirn-Flimmern“ (2005) sind verschiedene Dinge, darunter Eierschalen und Sushi-Algenblätter, auf einem bunten Teppich platziert. An dessen Rand befindet sich ein offener Koffer mit einem Styroporklotz auf dem Deckel, darin liegen zahnähnliche Aluminiumteile. Ein Teil des Teppichs ist herausgeschnitten und lagert auf einer mit Beton gefüllten Plastikflasche. Auf der anderen Seite, unterhalb des Teppichs, befindet sich ein Marmeladenglas, das nur durch ein kleines Loch im Teppich sichtbar ist. Der Teppich ist als Symbol für wissenschaftliche Modelle zu verstehen. Das schwarze Quadrat der Sushi-Algenblätter deutet auf ein kosmisches System hin. Das Ei symbolisiert die perfekte Form. „Flimmern“ bezieht sich auf ein irrisierendes, verwirrtes Gefühl, was die Punkte auf dem Teppich widerspiegeln sollen. Bocks Skulptur hat keinen konkreten Anhalts- oder Bezugspunkt – allein durch die Kombination aus Materialien, die inhaltlich unterschiedlich aufgeladen sind, entsteht eine Atmosphäre des Unerklärbaren, ähnlich wie in wissenschaftlichen Laboren oder Kinderzimmern.

„Die Tiefe“ symbolisiert den Bauch eines U-Boots, das aus zwei turbinenähnlichen dicken Rohren, einem wurmartigen Samtende und einem Periskop besteht, dessen Linse eine alte Brille und eine Toilettenpapierrolle bildet, durch die man hindurchschauen kann. Während seines Vortrags in Antwerpen nahm Bock die Zuschauer mit auf eine Reise unter den Meeresspiegel. Mit verschmiertem Gesicht und dreckigem Regenmantel spielte der Künstler die Rolle des U-Boot-Kapitäns, der versucht, das Schiff zu retten. Sein erster Matrose ist ein Kleiderhaken im blauen Hemd und einem in Klebeband versteckten „Kopf“. Als Bauchredner stellt Bock auch seine Stimme anders dar. Mithilfe eines Wattestäbchens, das an einem kleinen Mechanismus in der Mitte der Skulptur befestigt ist, demonstriert Bock, wie ein Torpedo zwei feindliche Schiffe attackiert. Dann wird sein eigenes Boot getroffen und beginnt zu sinken. Der Matrose überlebt den Angriff, doch der Kapitän stirbt – seine letzten Worte lauten „Moby Dick, Moby Dick“. In dieser Performance geht es weit mehr als um ein Kriegsspiel. Mit einer charakteristischen Terminologie, einem kreativen Sprachgebrauch und einem wirbelnden Auftritt spielt der Künstler auf die deutsche Kriegsvergangenheit an, die sich in ihren Grundzügen auch auf den desolaten Zustand unserer heutigen Gesellschaft übertragen lässt. Ergänzt wird die Installation von fünf Papierarbeiten, die als irrwitzige Konstruktionspläne für Bocks dreidimensionale Werke zu verstehen sind.