William Cordova   
Before there was anything there was…Elvis?, 2003, graphite paper, collage on paper, 20,32 x 25,4 cm

Born 1971 in Lima (Peru)
Lives and works in Houston, Miami, NY (USA)

Feingliedrig und gleichzeitig rau wirken die Papierarbeiten des 1971 in Peru geborenen und heute in den USA lebenden Künstlers William Cordova. Filigrane Linien von Kugelschreiber, Bleistift oder Pinsel und collagenartig zusammengefügte Elemente formen dabei teils abstrakte Muster, teils figürliche Zeichnungen. Als Ausgangsmaterial dieser Arbeiten verwendet Cordova vorrangig gefundene Dinge, wie Papierreste oder herausgetrennte Buch- und Magazinseiten. Neben den zweidimensionalen Werken gestaltet Cordova Installationen und Objekte, die ebenfalls weitgehend aus armen Materialien und ausrangierten Gebrauchsgegenständen bestehen. Mit der Wiederverwendung solcher Relikte, die als Abfall ausgesondert und dem Vergessen preisgegeben werden sollten, unternimmt Cordova einen Akt der Konservierung: „The use of found materials is not to erase, transform and make a new but to emphasize the content(s) already existing within that used or found material.“

Einen wesentlichen Impuls seines künstlerischen Schaffens stellen kulturelle Differenzen, Verbindungen und Übergänge dar – ein Thema, das stark von Cordovas eigener, transkultureller Biografie geprägt ist, die ihn von Lima/Peru über Miami/Florida zu verschiedenen Wohn- und Aufenthaltsorten in Amerika und Europa führte. Er selbst bezeichnet seine Arbeiten daher als „a result of being in two worlds at the same time, but never being whole in either one.“

In seinen Werken spiegelt sich diese kulturelle Mobilität in der Verknüpfung von Mustern, Symbolen und Motiven, die sowohl Cordovas peruanische Wurzeln berühren und traditionelle oder historische Referenzen darstellen als auch das moderne Leben amerikanischer Großstädte und deren vitale Subkulturen reflektieren. So erinnert das in einigen seiner collagierten Zeichnungen verwendete Blattgold gleichermaßen an das legendäre Gold der Inka und die Kultur der südamerikanischen Ureinwohner wie auch an die Ikonenmalerei des Christentums, das die religiöse Praxis in Peru seit der spanischen Eroberung im 16. Jahrhundert prägt. Eine ebenfalls ambivalente Bedeutung kommt den vielfach dargestellten an Lautsprecherboxen erinnernden Kästen zu (etwa in Before there was anything there was…Elvis?, 2003). Sie sind, ebenso wie die häufig verwendeten Motive von Mikrophonen, Kabeln, Kassettenrekordern oder Schallplatten als Symbol einer musikalischen Praxis lesbar, die seit jeher als Mittel der Kommunikation, aber auch der Selbstdefinition verschiedener kultureller Gruppen dient. Gleichzeitig spielen die Boxen auf das Cajón an, ein afro-peruanisches, perkussives Musikinstrument, das aus einem hochformatigen, hölzernen Quader besteht und damit der Form eines Lautsprechers ähnelt. In derartigen Details artikuliert sich eine im Wesentlichen von Immigranten und ihren Traditionen geprägte Kultur, die am Rand des urbanen Lebens gesellschaftliche Relikte für sich wiederbelebt und gleichzeitig einen Widerstand zur USamerikanischen Mainstreamkultur ausbildet.

Ein weiteres, vielfach dargestelltes Motiv in Cordovas Arbeiten sind teilweise zerstörte Autos und Karosserieteile wie etwa in I wan you to Cum in my Ass (2001). Diese Zivilisationsreste können als Verweis auf städtische Randgebiete gelesen werden, die oftmals von verlassenen Orten und ärmlichen Verhältnissen geprägt sind. In ihrer vom Umfeld isolierten Darstellung gewinnen sie jedoch an ästhetischem Wert und Aura. So stellt auch die Arbeit Tin can flattened (2006) – eine blaue, zusammen gedrückte Dose mit silbern gesprenkelter Oberfläche – einerseits schlicht ein Abfallprodukt dar, andererseits lässt das ovale Objekt leicht die erhabene Weite eines nächtlichen Sternenhimmels assoziieren.

Indem Cordova verschiedene, historisch geprägte Lebens- und Kulturformen mit Facetten der Konsumgesellschaft verquickt, gelingen ihm subtile Bildergeschichten, die stets mehrere Bedeutungen implizieren und Aspekte kultureller Überschneidungen, aber auch Divergenzen beleuchten.

Dorothea Klein