You are here     2019, Werkschauhalle Leipzig

6. April – 4. Mai 2019

„Earth is heaven. Or hell. Your choice.“ – Mit einem Zitat des US-amerikanischen Psychologen Wayne Dyer macht es der Künstler Sven Johne in seiner Arbeit Heroes of Labor (2018) deutlich: Alles ist eine Frage des Standpunkts. Die Ausstellung You are here nimmt diese Erkenntnis als Ausgangspunkt und bearbeitet sie aus künstlerischer Perspektive. Sie präsentiert Künstlerinnen und Künstler, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit den politischen, gesellschaftlichen und soziologischen Gegebenheiten unserer Zeit auseinandersetzen. Der Ausstellungstitel, angelehnt an ein Werk von Stefan Wissel, verweist dabei nicht nur auf die Sichtweise der hier vorgestellten Künstler, sondern verortet gleichzeitig auch den Betrachter in Bezug auf die aufgeworfenen Fragestellungen.

Die rund 40 gezeigten Positionen stammen aus der Privatsammlung des im Rheinland ansässigen Immobilienunternehmers Florian Peters-Messer. Seit Mitte der 90er-Jahre hat dieser über 350 Werke internationaler Gegenwartskunst zusammengetragen, die hier erstmals in einem solchen Umfang öffentlich präsentiert werden. Die Ausstellung ist in Themenbereiche unterteilt, die für unterschiedliche künstlerische Auseinandersetzungen mit unserer Gegenwart stehen und gleichzeitig einige der grundlegenden Interessenschwerpunkte der Sammlung Peters-Messer widerspiegeln.

In der großen Halle öffnet sich der Blick auf ein Spektrum künstlerischer Haltungen, die sich in einem meist soziologischen Ansatz mit ihrem unmittelbaren Lebensraum auseinandersetzen. Interpretationen moderner Architektur und des zeitgenössischen Stadtlebens etwa finden sich in den Fotografien von Sabine Hornig und Paul Hutchinson. Die Schweiz-argentinische Künstlerin Vivian Suter kommentiert ihre äußere und innere Umgebung, indem sie Naturerscheinungen ihres Heimatlands Guatemala in abstrakte Malereien übersetzt. Wie sich Kunst in Verhältnis zum Raum setzt, zeigt ein monumentaler Kubus aus Papiertaschentüchern von Thomas Rentmeister. Er ruft kollektive Kindheitserinnerungen ins Gedächtnis, zitiert das bildhauerische und kunstgeschichtliche Vokabular der Moderne, bezieht sich auf deren Utopien und Scheitern - und impliziert in seiner ironischen Ästhetik zugleich eine Kritik an der Wegwerf-Mentalität unserer Konsumgesellschaft. Ähnlich augenzwinkernd funktionieren auch die Arbeiten von Stefan Wissel. Mit Farben, Formen und Materialien betreibt der Düsseldorfer Künstler ein hintergründiges Spiel voller Humor, um Gestalt und Funktion alltäglicher Dinge neu und anders zu zeigen.

Zu den Werken von großer psychologischer Wucht zählen in der Sammlung Peters-Messer Arbeiten von Douglas Kolk, Ville Kylätasku, Bjarne Melgaard, Konrad Mühe oder Gregor Schneider. Sie stellen das Individuum mit seinen intimsten Fantasien und Ängsten in den Vordergrund. Mit verstörender Direktheit oder manisch-expressiven Gesten entwerfen die Künstler ihren jeweils eigenen, neurotisch aufgeladenen Kosmos. Anspielungen auf abseitige Sexpraktiken wie in Gregor Schneiders Man with Cock (2004) oder die obsessive Beschäftigung mit weiblicher Sexualität wie in Ville Kylätaskus Gemälde Meeting with Freud II (2016) seien hier als Beispiele genannt. Ihre Werke stehen exemplarisch für eine teils mit Leiden verbundene Auseinandersetzung des Menschen mit der eigenen Existenz, verweisen aber immer auch auf eine zerrissene Gesellschaft, die das Unverständliche oder nicht der Norm entsprechende ausblendet und marginalisiert.

Eine Auswahl von politischen Werken wiederum setzt sich auf unmissverständliche und formal oft drastische Weise mit sozialen Missständen auseinander. Die aus Lumpen und Packmaterialen zusammengesetzten Figuren von Iris Kettner etwa scheinen in ihrer bedürftigen und fragilen Stofflichkeit auf prekäre Lebenszusammenhänge verweisen zu wollen. Ähnlich brachiale Materialien finden sich auch bei Thomas Hirschorn, der mit einer hölzernen Installation voller abgedroschener Schlagwörter und verstörender Fotos der Trivialisierung von Krieg ein bizarres Denkmal entgegensetzen zu wollen scheint. Yvon Chabrowski und Nicolás Rupcich nutzen in ihrer performativen Videoarbeit FACES (2018) die Wirksamkeit von Gesichtserkennungsprogrammen, um Fragen zu Überwachungsmechanismen und narzisstischer Selbstdarstellung in Zeiten digitaler Medien zu thematisieren. Bei Viktoria Binschtok, Julian Röder und Santiago Sierra fungiert das Medium Fotografie als Sichtbarmachung gegenwärtiger Zustände, unter anderem in Form von Kapitalismuskritik. Ähnlich eindrückliche Bilder gesellschaftlicher Missstände zeigt auch die Videoarbeit Demolition Flats (2014) von Peggy Buth. Am Beispiel von Pariser Banlieues berichtet die Künstlerin darin von urbanen Utopien und wirtschaftlichen Interessen, von gescheiterter Integration, sozialer Ausgrenzung, von Hoffnung, aber auch von Diskriminierung und Verleumdung.

Erstaunlich viele Positionen der Sammlung Peters-Messer fokussieren in ihren Arbeiten unterschiedliche Formen von Körperbildern in unserer Gesellschaft. Darunter fallen Werke von Rebekka Benzenberg, Sophie Calle oder Mélanie Matranga, die sich in einem feministischen Ansatz mit meist verzerrten Bildern von Weiblichkeit beschäftigen, sowie Arbeiten von Stefanie Gutheil, Alexander Klaubert und Jürgen Klauke, in deren Zentrum das Hinterfragen konventioneller Geschlechterbilder oder die Auseinandersetzung mit sexueller Identität steht. Wie vergänglich lebende Organismen sind, scheint ein überdimensionales Mobile aus mumifizierten Ratten des Künstlers Gereon Krebber veranschaulichen zu wollen. Der Bildhauer nutzt für seine Kunst das Zwiespältige und Organische, an dem der Zahn der Zeit nagt, und exemplifiziert daran auf provokante Weise Zersetzungs- und Zerstörungsprozesse. Miriam Jonas und Oskar Schmidt wiederum verweisen in ihren Werken mittels einer kühlen Hochglanzoptik auf die teils absurden Möglichkeiten, die dem menschlichen Körper im 21. Jahrhundert zur eigenen Optimierung zur Verfügung stehen.

Unter einigen jungen Positionen hat sich in der Sammlung ein formaler Fokus herauskristallisiert, der sich in einer sehr unmittelbaren und unbeschwerten, fast kindlich-naiven und oft überbordenden Ästhetik niederschlägt. Eine solch sorglose Direktheit findet sich in den referenzenreichen Bildwelten von Nadira Husain, in den energiegeladenen abstrakten Zeichnungen von David Moses, in der infantil anmutenden Malerei von Jan Zöller oder in den verspielten Skulpturen von Okka-Esther Hungerbühler. Ihre vermeintlich naive Haltung paaren die Künstler dabei stets mit klug verpackter Informiertheit. Sie dekonstruieren die Konventionen, die andere Generationen vor ihnen entwickelt haben und kommen so zu ihrem ganz eigenen, zeitgenössischen Ausdruck. Henning Strassburger hinterfragt beispielsweise mit seinen ästhetisch überladenen Hotel Paintings (2013) die eigene Position als Künstler in Zeiten massenmedialer Bildwelten. Fabian Marti wiederum stellt in seinen naiv überkritzelten Fotografien die Idee einer Rückkehr zur primitiven Kultur der Auseinandersetzung mit modernen künstlerischen Formaten zur Seite.

Die Auswahl der Werke macht deutlich, dass sich die Sammlung Peters-Messer durch eine beeindruckende Kombination aus zentralen und etablierten Positionen der Gegenwartskunst und Arbeiten einer noch sehr jungen, aufstrebenden Generation von Künstlerinnen und Künstlern auszeichnet. Hinzu kommt, dass sich die Sammlungspräsentation trotz ihrer thematischen und medienübergreifenden Vielfalt immer wieder durch eine erstaunlich analoge, tiefsinnige Grundstimmung hervorhebt. Diese ist nicht zuletzt der konsequenten Sammelleidenschaft von Florian Peters-Messer geschuldet, dessen Fokus sich von Anbeginn auf eine inhaltlich anspruchsvolle Verschränkung von Kunst und Gesellschaft gelegt hat.

Der Blick durch die Kunst, wie er uns hier begegnet, ist natürlich nur eine von vielen Möglichkeiten der Weltbetrachtung. In diesem Sinne bietet You are here als Ausstellung keinen Ausweg an. Vielmehr soll sie den Blick auf die uns umgebenden Realitäten schärfen und den Betrachter dazu anregen, sich in einen Bezug zu den aufgeworfenen Fragestellungen zu setzen. Die gezeigten Positionen verbindet, dass sie sich Themen annehmen, die uns alle betreffen. Sie tun dies ohne erklärende Interpretationen oder entlarvende Anklagen, sondern auf mitunter Erkenntnis stiftende, Zusammenhänge herstellende und kritisch hinterfragende Weise. Sie finden ihren Ausgangspunkt in soziologischen Fragestellungen, historischen und persönlichen Ereignissen oder formalästhetischen Herangehensweisen. Sie setzen sich auf jeweils individuelle Weise mit dem eigenen Körper, der Familiengeschichte und Sexualität auseinander, oder befassen sich mit den Mechanismen von Überwachung, Macht und Repression.


Die Ausstellung ist kuratiert von Linda Peitz und wurde ermöglicht durch die Unterstützung der SpinnereiGalerien. Sie wird ergänzt durch einige Leihgaben aus der Miettinen Collection Helsinki/Berlin.

Künstler/Innen: Jaishri Abichandani, Rebekka Benzenberg, Viktoria Binschtok, Peppi Bottrop, Elina Brotherus, Peggy Buth, Sophie Calle, Yvon Chabrowski / Nicolás Rupcich, Nicole Eisenman, Stefanie Gutheil, Falk Haberkorn, Thomas Hirschhorn, Sabine Hornig, Okka-Esther Hungerbühler, Nadira Husain, Paul Hutchinson, Sven Johne, Miriam Jonas, Jon Kessler, Iris Kettner, Alexander Klaubert, Jürgen Klauke, Douglas Kolk, Gereon Krebber, Ville Kylätasku, Kris Lemsalu, Fabian Marti, Mélanie Matranga, Bjarne Melgaard, David Moses, Konrad Mühe, Julian Röder, Thomas Rentmeister, Achim Riethmann, Santiago Sierra, Oskar Schmidt, Gregor Schneider, Henning Strassburger, Vivian Suter, Ulay, Cécile Wesolowski, Stefan Wissel, Jan Zöller

alle Fotos @courtesy: Falk Messerschmidt